In diesem Programm des Winterthurer Kammerchors unter neuer Leitung wird der Grenzbereich zwischen Volkslied und Kunstprodukt, also zwischen "gewachsener" und "komponierter" Musik abgetastet.
Dabei ist die Zuweisung "Volks-" oder "Kunstlied" beileibe nicht immer einfach zu treffen. Volkslieder wie etwa das berühmte "Innsbruck, ich muss dich lassen" sind künstlerische Gebilde auf der handwerklichen Höhe der komponierten Musik des 16. Jahrhunderts.
Die erklingenden Madrigale von Leonhard Lechner sind ebenfalls gute Beispiele für das Vertonen volksnaher Texte mit dem hohen künstlerischen Anspruch der Spätrenaissance.
Erich Itor Kahn, ein "unter die Räder der Geschichte gekommener" deutsch-jüdischer Komponist, verwendet in seinen drei Madrigalen Volksmelodien osteuropäischer Juden als Grundlage. Kahn verarbeitet diese Melodien hochexpressiv und mit avancierten kompositorischen Mitteln, wie sie ihm aus seiner Beschäftigung mit der Musik der Neuen Wiener Schule zur Verfügung stehen.
Johannes Brahms hatte eine grosse Affinität zum Volkslied, so auch in seinen "Liedern und Romanzen" op. 93a, in denen ein rheinisches Volkslied neben einem serbischen steht.
Meine eigenen Bearbeitungen sind der durchaus augenzwinkernde Versuch, verschiedene "alte Volksweisen" in ein Gewand zu kleiden, das aus Stoffen der Popularmusik gewoben ist.
Zu guter Letzt dürfen wir erleben, wie Roland Moser den hintergründigen Humor Schweizer Volkslieder erfasst und mit subtilen kompositorischen Mitteln deren Wirkung freilegt. Eine der Liedbarbeitungen erklingt als Uraufführung, und es ist uns eine Ehre, dass wir diesen schönen Satz aus der Taufe heben dürfen!
Burkhard Kinzler