Pressespiegel

Glaenzende Schoepfung

Landbote, Fr, 5. Juni 2009, Marc Hoppler

Helmuth Rillings Version von Haydns "Schöpfung" beschränkte sich am Mittwoch nicht auf einen paradiesischen Wohlklang.

Jeder durchschnittliche Schulchor führt einmal Haydns "Schöpfung" auf, was an unzähligen Aufführungen landauf, landab mit unterschiedlichem ästhetischem Genuss miterlebt werden kann. Dem Chor der Kantonsschule Rychenberg jedoch bot sich im Rahmen der "Jugendprojekte" des Musikkollegiums eine ganz besondere Gelegenheit, das Oratorium zu singen: Welten trennten die sonst üblichen Veranstaltungen mit ihrem Mehrzweckhallencharme und den improvisierten Schulorchestern von der prächtigen Aufführung vom Mittwoch im Stadthaus, an welcher neben dem Kammerchor Winterthur ein glänzendes Solisten-Ensemble und das Musikkollegium mitwirkten. Als Krönung übernahm mit Helmuth Rilling eine Dirigentenlegende von internationalem Format die musikalische Leitung des Abends.

Ein Hauch von Laszivität

Auch wenn dem Chor in diesem Werk keine überragende Rolle zukommt, brauchten sich die jugendlichen Sängerinnen und Sänger keineswegs hinter den professionellen Kolleginnen und Kollegen zu verstecken. Gerade die dynamisch modulierenden Passagen meisterte der massive Chor bei einer hohen Verständlichkeit des Textes mit äusserster Präzision, was eine intensive Probearbeit erahnen liess. Auf das Dirigat von Helmuth Rilling reagierte er sensibel und kompensierte, zusammen mit dem ebenfalls wachen Orchester, die Freiheiten, welche sich die Solisten, allen voran Markus Marquardt (Bass), herausnahmen. Einzig die wuchtigen Choreinsätze der Finali nahmen sich zuweilen etwas turbulent aus.

Von den Solisten begeisterte Julia Sophie Wagner (Sopran) mit ihrer in der Höhe schlanken, aber dennoch nie verwackelten Stimme. An den dafür vorgesehenen Stellen schmückte sie ihren sonst dankbar ungezierten Gesang mit herrlich blühenden Koloraturen aus und brachte sogar einen leisen Hauch von Laszivität in das sonst so reine musikalische Paradies des Komponisten.

Welt voller Gegensätze

Hier traf sie sich mit dem Tenor Lothar Odinius, welcher sich ebenfalls als Meister der feinen Zwischentöne erwies: Die beinahe mephistophelische Warnung vor dem bevorstehenden Sündenfall, welche kurz vor dem strahlenden Finale auf das kommende Unheil der Menschheit verweist, wisperte er gerade noch knapp hörbar in den Saal, was ihre Unheimlichkeit nur noch verstärkte. Markus Marquardts stimmgewaltiger Auftritt wurde leider durch seine etwas eigene Tempogestaltung überschattet, wobei ihn nicht einmal das energische Eingreifen Helmuth Rillings länger als für einen Moment zur Besinnung bringen konnte.

Das Orchester zeigte sich glücklicherweise empfänglicher für seine Interpretation der ungemein fantasievollen und anspielungsreichen Partitur Haydns, wobei vor den Ohren des Publikums eine Welt voller tönender Gegensätze entstand. Die superben Bläser des Kollegiums liessen nicht nur die Nachtigallen süss trällern oder die Sonne strahlend in den Himmel steigen, sie scheuten auch nicht vor der derben, beinahe vulgären Hässlichkeit der schöpferischen Niederungen zurück. Nicht zuletzt dieses holistische Credo von Helmuth Rilling dürfte den Abend nicht nur für die Singenden des Chores Rychenberg zum denkwürdigen Erlebnis gemacht haben.

[]